Dr. Matthias Scherbaum

Rezension zur Sonderausstellung
Jörg Länger: „Passion und Heilsgeschehen. Für Dom und Alltag“
28.02.2014 bis 02.05.2014

 

Der Sternenmantel und die Ästhetik der Protagonisten. Große Kunst von Jörg Länger im Bamberger Diözesanmuseum

 

Wer ist Jörg Länger? Diese Frage wird sich aus mehrerlei Hinsicht wohl so mancher gestellt haben, der in den letzten Tagen das Bamberger Diözesan-Museum besucht hat, denn seit dem 28. Februar ist dort eine Sonderausstellung des in Hamburg lebenden Künstlers zu sehen. Aus verschiedenen Gründen kann man Jörg Länger vielleicht als einen der bemerkenswertesten Gegenwartskünstler im deutschsprachigen Raum bezeichnen. Das unterstreicht  diese Sonderausstellung nachdrücklich.

 

Anlässlich der gegenwärtigen Fastenzeit zeigt das Bamberger Diözesanmuseum vorrangig Werke Längers mit religiöser Thematik.  In einem Raum des Diözesanmuseums sind zwei aufeinander Bezug nehmende Gemälde-Zyklen zu sehen, eine „Passion auf Papier“ sowie eine „Passion auf Holz“, womit das jeweilige Trägermaterial bezeichnet ist. Länger verfolgt dabei ein ästhetisches Konzept, das er mehr oder weniger durchgängig zur Anwendung bringt, nämlich den von ihm so genannten „Protagonisten aus 23.000 Jahren Kulturgeschichte“. Damit ist gemeint, dass Länger Figuren aus den verschiedensten Werken u.a. der Kunstgeschichte (im Fall der Bamberger Ausstellung etwa von Giotto, Dürer, Matthias Grünewald, über Rembrandt und Runge bis hin zu Rebecca Horn und Bill Viola) entleiht, um sie in seinen eigenen Kunstwerken in der Weise wiederzuverwenden, dass er ein Doppeltes erreicht: Einerseits stellt er sich in die Tradition der Kunstgeschichte, lässt sich von ihr inspirieren, andererseits zollt er damit den entsprechenden Werken eine hohe Achtung und erweckt sie gewissermaßen in seinen eigenen Kunstwerken zu neuem ästhetischem Leben, so dass die Idee der Protagonisten ein wechselseitiges Geben und Nehmen ist.


Dies wird besonders an seinem Kunstwerk „AdActA?“ deutlich, sieben leere, zu einer Kreuzform arrangierte Kaviarkisten, in die Länger 33 Aktenordner eingestellt hat. Unmissverständlich klar wird hierbei Längers Bezug zu Josef Beuys, dessen Idee der Ästhetisierung alltäglicher Gebrauchsgegenstände hier Schule gemacht hat. Aber Länger geht insofern über Beuys hinaus, als er nicht nur eine Ästhetisierung, sondern hier auch Sakralisierung der Kaviarkisten und Aktenordner erreicht, was durch die Kreuzform klar wird, deutlich unterstrichen durch 33 Protagonisten – jeweils Christusfiguren aus der europäischen Kunstgeschichte, die als Cruzifixus an die Aktenordner angeheftet sind – wie auch durch die Zahl 33, die Lebensjahre Christi auf Erden. Schließlich ließe sich auch der Titel „AdActA?“ als das zu einem einzigen Wort kontrahierte normale „ad acta“ mit den drei exponierten Buchstaben „A“ als Trinitäts-Assoziation interpretieren. Diese verschiedenen Ebenen, die hier in einem einzigen Kunstwerk wie in einem kondensierten Nukleus sich konzentrieren und koinzidieren, erzeugen eine bemerkenswerte ästhetische Dichte, was für die Werke Längers insgesamt sehr charakteristisch ist.


Als außergewöhnlich kann in diesem Zusammenhang der Umstand gewertet werden, dass Länger eine ganze Reihe von Kunstwerken eigens für diese Sonderausstellung im Bamberger Diözesanmuseum geschaffen hat, so etwa eine ganze Serie „Paraphrasen zum Gunthertuch“, wobei er auch hier seine Grundidee der Protagonisten konsequent realisiert, denn das Gunthertuch ist ein wertvoller byzantinischer Seidenstoff aus dem 11. Jahrhundert, der im Diözesanmuseum ausgestellt ist. Ebenfalls bezieht er den Sarg der Heiligen Kaiserin Kunigunde, der sich im Kreuzgang des Diözesanmuseums befindet, in die Protagonistenidee seiner Kunst ein und etliche weitere Exponate des Bamberger Museums, wodurch eine reizvolle ästhetische Wechselwirkung erzeugt wird, die den damit neu entstandenen Gesamtkunstwerken eine sehr starke Lebendigkeit, Dynamik verleiht.


Vielleicht lässt sich als Höhepunkt der Sonderausstellung der sogenannte „Sternenmantel“ Längers ansprechen, ein Kunstwerk von großer religiöser Kraft und Intensität, als dessen Protagonist der „Sternenmantel“ Kaiser Heinrichs II. – eines der vermutlich bekanntesten und bedeutendsten Exponate des Bamberger Diözesanmuseums – fungiert. Längers „Sternenmantel“ sind eigentlich zwei Bilder bzw. Installationen, die links und rechts des Bamberger Sternenmantels gehängt sind, zwei weitere mittelalterliche Bamberger Paramente miteinbeziehen und das Ensemble zu einem großen Gesamtkunstwerk verschmelzen. Der linke „Sternenmantel“ Längers ist das Negativ des anderen, eine dort auf einem weißgrundigen Bildträger ausgebreitete Jacke wurde aufgetackert und mit tiefblauer Farbe ummalt, so dass nach dem späteren Entfernen der Jacke eine weiße Fläche in der blauen Farbe zurückgeblieben ist, die die Umrisse der Jacke zeigt. Der rechte „Sternenmantel“ Längers nun ist diese Jacke als Positiv, inside-out gewendet und wiederum aufgetackert. Es zeigt sich hierbei ein äußerst komplexes Spiel an Spiegelungen in diesem Werk, der Aspekt der Zeit ist konstitutiv aufgenommen, die zeitliche Abfolge der Produktionsästhetik ist erzeugendes Prinzip dieses Kunstwerkes, Positiv-Negativ treten wechselweise in Beziehung miteinander sowie mit dem originalen Bamberger Sternenmantel, wodurch ein dichtes und vielschichtiges Gesamtkunstwerk geschaffen wird. Besonders bemerkenswert: Dieses Gesamtkunstwerk (wie auch die anderen speziell mit Bamberger Protagonisten arbeitenden Kunstwerke) wird es mit dem Ende der Sonderausstellung am 2. Mai nicht mehr geben, es stellt also konzeptuell und programmatisch eine zeitlich limitierte einmalige Installation dar, die sich als solche nicht wiederholen lässt und auch auf diese Weise das Moment der Zeit in konstitutiver Weise als Kunstwerk verwirklicht.

 

Damit sind rhapsodisch die wichtigsten Stationen der Sonderausstellung markiert, die alle eine eigene eingehende Analyse lohnen. Das Bamberger Diözesanmuseum als Ausstellungsort dieser Werke Längers ist aus doppelter Hinsicht einen Besuch wert: Einerseits um die berühmten und bedeutsamen Originale der „Protagonisten“ für sich zu betrachten, andererseits und in dieser Hinsicht vor allem, um die (zumindest teilweise) mit diesen Bamberger Protagonisten ins ästhetische Wechselspiel getretenen Werke Längers zu bestaunen, die auch ihrerseits jederzeit und ohne jede Frage eigens einen Besuch wert sind. Aber gerade das Wechselspiel, die direkte Bezugnahme der Werke Längers auf bestimmte Bamberger Protagonisten und die daraus entstehende ästhetische Dichte bzw. Neuschöpfung kann, zumal auch aufgrund ihres konstitutiven Zeitaspektes, im wahrsten Sinn des Wortes als einmalig bezeichnet werden.

 

© Dr. Matthias Scherbaum, Bamberg, 2014

 

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