Nachschrift der Rede vom 16. März 2007 zur Eröffnung der Ausstellung

LÄNGER IM DRITTEN JAHRTAUSEND - MALEREI UND ZEICHNUNG VON 2001 BIS 2007

in der Präsenz Galerie Gnadenthal

Dr. Eckhard Nordhofen

 

Gibt es Wiederholungen? Heraklit hat gesagt: Wir können nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Die Zeit fließt und ist ein richtiges Drama für uns. Manchmal geht es uns zu schnell, manchmal zu langsam, und oft sind gerade sensible Leute sehr traurig, dass man die Dinge nicht heraufrufen kann, dass es sozusagen kein Zurück gibt. Die Zeit ist ein Drama und die Art und Weise, wie wir mit der Zeit umgehen, ist die Erinnerung, das Gedächtnis. Und dafür arbeiten wir viel. Gedächtnis bedeutet uns viel und bedeutet gerade in unserer großen Geschichte des Judentums und Christentums so viel, dass es diese Geschichte ja nicht gäbe, wenn wir nicht die Gedächtnisanstrengung ständig neu unternehmen würden. Denken Sie an die Abendmahlszene: Da wird Gedächtnis wirklich inszeniert. Warum sind es denn zwölf Jünger, die Jesus sich ausgesucht hat? Die zwölf Stämme Israels werden dadurch repräsentiert. Einer verriet ihn, da waren es nur noch elf; aber die Zahl musste ja wieder aufgefüllt werden und da wurde Matthias dazu gewählt, sonst wären es ja nicht mehr Zwölf gewesen! An was wird denn erinnert in dieser Szene? Es ist die große Freiheitsgeschichte des Volkes Israel, die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten; denn diese Befreiungsgeschichte war mit dem ungesäuerten Brot, das man beim Pessach-Mahl aß, einem Gedächtnismahl, das die Kinder Israels bis heute jedes Jahr zu Ostern feiern: der Vorübergang des Herrn – der Herr lässt sich nicht nieder, setzt sich nicht auf einen Thron wie ein König, sondern es ist Pessach, Vorübergang. Also Gedächtnis wird nicht dem Zufall überlassen, es gibt Sachen, die müssen wir unbedingt immer wieder neu aufrufen. Wenn es um das Gedächtnis dieser großen, unserer Gottesgeschichte geht, dann berühren wir auch einen Zeitraum, wo das Unglück, dass alles vorbeigeht, nicht mehr sein soll. Wir haben sogar ein Wort dafür in unsere Sprache aufgenommen. Die Abwesenheit von Zeit, die wir denken können, uns aber nicht vorstellen können. Die Mystiker streben das ‚nunc stans’ an, das ‚stehende Jetzt’. Manchmal gibt es Momente, wo man solche Gefühle haben kann. Aber dann kommen die Physiker und sagen: Doch nicht im Ernst! Also die Zeit existiert und wir können sie in den Koordinaten, in denen wir jetzt leben, zwar verlieren, aber nicht leugnen. Wir sind dann auf der ‚Suche nach der verlorenen Zeit’.

 

Und jetzt der Künstler Jörg Länger – ich empfehle, seine Bilder länger anzuschauen (er kalauert selber gern mit seinem Namen: lang und noch Länger), manchmal hat man sofort eine Beziehung dazu, aber es rentiert sich, dann noch einmal genauer hinzusehen und zu entdecken: Ach, da taucht ja noch eine weitere Figur auf, die hatte ich erst gar nicht bemerkt! – also ein Künstler, der insofern aus seiner Zeit herausfällt, als die Künstler seit Vasaris Zeiten vornehmlich damit beschäftigt sind, etwas Nie-Dagewesenes zu machen, also sozusagen Patente auf etwas Neues zu erwerben. Bis heute gehen wir in der Kunst immer nach dem Neuen, damit wir sozusagen das richtige Zeitgefühl haben. Jörg Länger macht etwas ganz anderes. Er arbeitet mit sogenannten Protagonisten. Ein Protagonist ist für ihn eine Figur aus der Kunstgeschichte, die so wichtig ist, dass sie sich unserem Sehgedächtnis – wir sehen ja Gestalten und erkennen nach Silhouetten – so einprägen kann, dass wir sehen, das eine ist z. B. eine Figur von Leonardo oder das anderen ist der Auferstandene aus dem ‚Isenheimer Altar’. Das finde ich einfach unter dem Gesichtspunkt, wie er mit der Zeit und mit der Kunstgeschichte umgeht, auch wiederum einmalig oder beziehungsweise auf der Metaebene einzigartig denn das ist nicht ein Gag, sondern die Protagonisten sind in den Geschichten, die diese Bilder hier erzählen, auch immer mit einer

 

neuen, eigenen Bedeutung aufgeladen! Es ist dann nicht einfach Grünewalds Auferstandener, an den wir da denken müssen, sondern Grünewalds Auferstandener kommt in dieser Geschichte ganz neu vor. Die Bilder sind voller Protagonisten. Es ist ein Spiel, das Sie hier spielen können: ‚Wer identifiziert die meisten Protagonisten?’ Die Bilder machen intellektuell und visuell Freude. Eine unterlegte Geschichte, die man kennen müsste, um das Bild zu verstehen – so ist es nicht! Man bekommt Angebote, erste Einstiege durch die Protagonisten, so dass man dann die Geschichte, die zu dem Bild gehört, selbst finden und erzählen kann.

 

© Dr. Eckhard Nordhofen, Limburg März 2007

 

Texte über Länger